Living

Die Kur Alles auf null

Leben Sie auch am Limit? Über 100 Flüge absolvierte unser Chefredakteur im letzten Jahr. Willkommen im Club, werden Sie wenig mitleidig denken. Und vielleicht noch seine hundsmiserable CO2-Bilanz anmahnen. Während wir alle von Work-Life-Balance träumen, fragte sich Joern Kengelbach: Geht es vielleicht doch? Und musste feststellen: Wer die Lebensuhr gefühlt auf null stellen will, muss dort anfangen, wo man es am wenigsten vermutet: im Magen. Ein Selbstversuch mit gewichtigen Folgen

Alles auf null
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Das Handy klingelt, während eine WhatsApp reinkommt: Der Server ist abgestürzt. Ja, man arbeite dran. Das Meeting ist eine halbe Stunde überfällig, ein Redakteur schaut fragend um die Ecke: „Kommst du noch?“ Dabei wollte man den Vormittag eigentlich mit dem Verfassen einer Laudatio verbringen. Der dritte Kaffee, dazu eine krakelige Notiz: Blumen für Papas Geburtstag. Im Mund zwei Kekse, an Mittagessen ist nicht zu denken. Das Handy klingelt erneut. Die Assistentin will wissen, ob ich den Shuttle bräuchte. Wieso Lamborghini? Nein, Rolls-Royce! Wo war der Konfi? Ich stehe vor den Kollegen, alle schauen einen erwartungsvoll an: die überfällige Onlinestrategie. Ein Anruf, Mist, das Handy ist noch auf laut. Mama: „Schön, dass ich dich mal erreiche. Was möchtest du denn Samstag essen?“ Schnitt.

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Es ist Anfang August. Ich stehe vor einem eleganten, dreiteiligen Holzhaus. Charmantes Designhotel, denke ich. Es ist Hochsommer, fast 30 Grad. Ein Fahrer hatte mich vom Salzburger Flughafen abgeholt und eine seltsame Frage gestellt: „Was erwarten Sie?“ Ich dachte nur: mal ausspannen, du Schlaumeier. Eine Freundin hatte mir das Haus empfohlen, das würde mir guttun, ohne genauer darauf einzugehen, was genau. Ich wollte eigentlich auf Kamelsafari in die Mongolei, die aber ausfiel, weil sich kein weiterer Verrückter mehr fand. Ich habe eine Woche Zeit. Warum also keine Kur, dachte ich und reiste also spontan ins Vivamayr in Altaussee im Steirischen Salzkammergut. Hier bin ich also, kann ja nicht schaden. Die Unterlagen zur Vorbereitung hatte ich nicht gelesen. Natürlich nicht. Schnitt.

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Es ist Anfang September. Vier Wochen ist mein Aufenthalt im Vivamayr her. Es ist Samstag. Sieben Uhr morgens, ich springe beschwingt aus dem Bett. Hotel The Dolder Grand in Zürich, das beste Haus am Platz, man lädt zum Epicure Weekend, die besten Sterneköche der Welt kochen um die Wette. Bevor ich joggen gehen will, entdecke ich im Bad eine Waage. Jetzt will ich es wissen. Vier Wochen lang hat es mich beschäftigt, aber nie eine Waage im Hotel. Hat sich das alles gelohnt? Ich gehe rauf und sofort noch mal runter. Wieder rauf. Das kann nicht sein: 68,5 Kilogramm. Ich falle fast um vor Schreck. Und dann muss ich laut lachen: Vor vier Wochen waren es zwölf Kilo mehr. Lächelnd sehe ich im Spiegel die Silhouette eines 30-Jährigen – ich bin 45. Dann geht es raus auf den Zehn-Kilometer-Trimm-dich-Pfad. Schnitt. Ich checke ein, die Atmosphäre ist freundlich, hinter der Terrasse funkelt der Altausseer See, ich solle rechtzeitig zum Abendessen kommen, hatte mir die Empfangsdame eingebläut. Gut, das geht einfach, ich habe eh einen Bärenhunger, freue mich auf deftige steirische Küche! Am Eingang zum Restaurant fallen als Erstes die Verbotsschilder auf: durchgestrichenes Handy,durchgestrichener Laptop und durchgestrichenes Buch. Na ja, Digital Detox ist ja grad en vogue. Aber warum nicht lesen? Als das Essen kommt, schmunzel ich. Es besteht im Prinzip aus einer Tasse klarer Brühe und drei Reiscrackern. Micro Carb statt Low Carb? Als die vermeintliche Vorspeise abgeräumt wird und sich nach einer Viertelstunde nichts tut, schiele ich auf die Nachbartische. Sieht kaum anders aus. Gespenstisch ruhig hier, man hört nur das Zerbröseln der Reiscracker. Nach weiteren fünf Minuten frage ich höflich nach dem Main Course. Meine Frage wird noch höflicher weggelächelt. Das war es? Verwirrt gehe ich aufs Zimmer. Wo bin ich hier denn gelandet?

Gierig verschlinge ich nun nicht das nicht vorhandene Abendessen, sondern die mitgebrachten Unterlagen. Ich bin in keinem Hotel im klassischen Sinn, sondern in einem medizinischen Zentrum mit Entgiftungsschwerpunkt gelandet. Das entnehme ich einem beigefügten Zeitungsartikel. Soso. Die internationale Prominenz war auch schon hier. Aha. Was wohl Kate Moss beim Anblick der Brühe zum Abendessen gedacht hat? Eine schnelle Internetrecherche ergibt: Ich bin bei einem der weltweit 21 Anbieter sogenannter Kuren nach Franz Xaver Mayr, einem Kurarzt des 19. Jahrhunderts, der seiner Klientel mit Heilfasten und Entschlackung durch Milch und Brot half. Es geht um basische Ernährung, Stoffwechselumstellung. Wollte ich nicht eh abnehmen? Neben den nach dem Arzt benannten F.-X.-Mayr-Zentren sind die bekanntesten Häuser die von Vivamayr und die der Gruppe Lanserhof. Auf der Seite fxmayr. com findet man sämtliche Kuranbieter, darunter auch ein Zentrum in Brasilien und der Ukraine. Ich lerne, dass sämtliche F.-X.-Mayr-Zentren zentral zertifiziert werden und sich Ärzte ganzheitlich dazu ausbilden lassen müssen, während mir beim Lesen fast die Augen zufallen. Müde und hungrig gehe ich ins Bett. Was wohl der Chefarzt zu sagen hat? Der Termin ist um acht Uhr.

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Zum Frühstück gibt es Lachs und Eier. Das wäre deutlich besser als am Vorabend, wären die Portionen nicht eher für Kleinkinder gemacht. Mit grummelndem Magen begebe ich mich in den ersten Stock, wo sich das medizinische Zentrum des Hotels befindet. Eine Mischung aus Spa und Privatklinik. Die Mitarbeiter scheinen den Umgang mit hungrigen Gästen gewohnt zu sein. Ja, der Doktor komme gleich. Ich blättere im türkischen Robb Report und studiere das Publikum. Es wird leise auf Englisch gesprochen, globale Klientel, sehr kultiviert. Dr. Maximilian Schubert, Glatze, Bart, athletischer Körper und einen Kopf größer als ich, begrüßt mich mit leuchtenden Augen und energischem Händedruck. Vollprofi. Später erfahre ich, dass er grade für den Kilimandscharo trainiert. Das passt. Fast beiläufig entwickelt sich ein Gespräch über meine Gesundheit, das eine Stunde dauern soll. So lange war ich die letzten 15 Jahre bei keinem Mediziner. Ich gestehe, dass aus einem Mitte 30-jährigen Marathonläufer mit 65 Kilo inzwischen ein Gelegenheitsläufer mit 81 geworden ist. Meine Wehwehchen halte ich für kaum der Rede wert, Herr Schubert notiert dennoch akribisch alles: den Rücken und die regelmäßigen Hexenschüsse, die entzündeten Mandeln vom Joggen und die Haut. Sie plagt eine chronische Histaminose, was sich durch nerviges abendliches Jucken bemerkbar macht. Während ich all das erzähle, denke ich: Wollte ich nicht eh mal einen gründlichen Check-up machen? In der Mitte des Lebens? Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. Eine Minute später schlägt der Arzt genau das vor: Blutuntersuchungen, Leistungs-EKG? Ja, Herr Doktor, ich will. Und während wir so dahinreden, merke ich kaum, wie sämtliche Lebensmittelunverträglichkeiten getestet werden und der Weißkittel zu einer Bauchmassage ansetzt. Ich lerne in einer Stunde viel über den Stoffwechsel und unser Immunsystem, plötzlich sind wir bei unseren Vorfahren, die alles kannten, nur nie, satt zu sein. Tagelang durchstreiften sie die Savanne auf der Suche nach Nahrung und jagten oft ohne Erfolg. Hungrig sein hieß Mensch sein. Wenn nichts erlegt wurde, gab es ein paar Beeren, Samen und vielleicht mal ein Vogelei. Der Satz, der sich mir am meisten einprägt: 75 Prozent unseres Immunsystems befänden sich im Dünndarm. Wir seien eben wirklich, was wir äßen, so Schubert. Dreimal am Tag wird es hier etwas geben. Keine Snacks. Gefrühstückt wird nach alter Sitte wie ein König, zu Mittag gibt es eine normale Portion und abends im Wesentlichen Suppe. Wobei abends relativ ist: Um 19 Uhr macht die Küche zu. Das Prinzip ist einfach: basische Lebensmittel statt saurer und auf keinen Fall Zucker. Kartoffeln, kalt gepresste Öle und Gemüse. Das dafür gern in rauen Mengen. Fleisch oder Fisch sollten nicht mehr als ein Viertel auf dem Teller ausmachen. Also das beste Steak, aber das kleinste. Und dazu dreimal Spinat. Getrunken wird nur vor oder nach, nie während der Mahlzeit. Sonst aber gern rund drei Liter am Tag, stilles Wasser.

Die Ernährungsberaterin erklärt am nächsten Tag zwischen Massagen und Aerial Yoga, Ziegenbutterpackungen und Nasenrödern, was das Geheimnis der geringen Nahrungsmengen sei: das Kauen. 40-mal müssten wir im Schnitt jeden Bissen zerkleinern, nur dann könne der Körper wichtige Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente aus dem Brei aufnehmen. Zucker sehe sie wie Kokain. Er mache uns süchtig und lasse den Organismus altern. Um sich aufs Kauen zu konzentrieren, sollte man beim Essen auch nichts anderes machen. Auch nicht lesen. Neue Erkenntnisse: Salat – völlig überbewertet. Wären wir reine Vegetarier, hätten wir andere Mägen, so der Arzt. Mehr als Magenreinigung bewirke er nicht. Obst? In der Regel zu viel Säure, weil unreif. Eine Handvoll pro Tag reiche vollkommen aus. So viel zur Theorie. Für die Kur muss der Bauch aber zunächst leer sein, um sich an eine neue Ernährung zu gewöhnen. Erst entschlacken, dann aufbauen lautet das Grundprinzip jeder Kur. Für mich heißt das: Jeder Morgen beginnt mit einem halben Liter Glaubersalz-Wasser und endet eine halbe Stunde später auf den im gesamten Hotel installierten Washlets. Wer hätte gedacht, dass ich mal Fan von Duschtoiletten werden würde. Die ersten drei Tage zählen nicht zu den bemerkenswertesten meines Lebens, die ich unbedingt abgedruckt sehen möchte. Sei es drum: Am ersten Tag stellt sich eine Mandelentzündung ein, am zweiten dazu ein Hexenschuss. Herr Schubert beruhigt: Alles käme anfänglich heraus. Und tatsächlich: Nach zwei Tagen ist die Mandelentzündung weg. Normalerweise hätte ich schon Antibiotika intus, wegen des Rückens schickt mich der Arzt zum hauseigenen Chiropraktiker. Einmal eingerenkt, gibt der mir vier Dehnübungen mit auf den Weg und verabschiedet mich mit den Worten: „Sollte helfen, ich will Sie nie wieder sehen!“ Nie wiedergekommen ist dann übrigens auch der Juckreiz, der sich als simpler Zink- und Kupfermangel herausstellte.

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Als ich tags darauf zum Sportarzt gehe, fühle ich mich schon vor dem Leistungs-EKG so schlapp, als hätte ich bereits einen Marathon hinter mir. Umso erstaunter bin ich, als ich dann doch noch irgendwo Energiereserven habe. Abends will ich es dann wissen. Habe ich überhaupt noch Power? Ich mache mich auf die sieben Kilometer um den See. Gott sei Dank hatte man mich vorgewarnt: Normale Breitensportler würden im Prinzip nur die Kohlenhydrate verbrennen, die sie am Vortag zu sich genommen hätten. Da ist bei mir nicht viel zu holen. Die Fettverbrennung stelle sich meist erst ein, wenn man wieder zu Hause beim Abendessen sei. In der Kur sei es genau andersherum, das spüre ich nach 100 Metern: Ich habe das Gefühl, gegen eine Wand zu rennen, und quäle mich um das eigentlich wunderschöne Gewässer. Am vierten Tag ein Wunder. Der Hunger ist weg. Und der Kopfschmerz, der irgendwann kam, auch. Ich beschließe einen aberwitzigen Plan: Am Samstag sind kaum Behandlungen, vor dem Hotel thront der Loser, der Hausberg, gute 1000 Höhenmeter. Herr Schubert hatte mich skeptisch angesehen: „Nicht übertreiben, regelmäßige Bewegung ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Ich ignoriere ihn dieses Mal. Ich will wie ein Steinzeitmensch hungrig auf den Berg, den Mammutgipfel erklimmen und mir abends stolz meinen Reiscracker abholen. In der Früh mache ich mich auf. Mein Lunchpaket: ein halber Liter Pastinakensuppe, drei Reiscracker, vier Scheiben Bündnerfleisch. Ich bin der Letzte am Gipfel, sieben Stunden später stehe ich wieder in der Lobby. Stolz. In der Hotelsauna falle ich danach fast ohnmächtig von der Bank, fühle mich aber wie Herkules.

Energiegeladen ackere ich in vier Tagen neben meinem Sportprogramm das erste Mal seit Ewigkeiten einen 1000-Seiten-Schmöker aus der Bibliothek durch (Amalthea von Neal Stephenson). Neugierig nehme ich meine Mitgäste ins Visier: 70 Zimmer hat das Vivamayr, über 100 Mitarbeiter kümmern sich um unser Wohl. Vom amerikanischen Unternehmerpärchen mit Kunstambitionen bis zum deutschen Systemgastronomen mit Benzin im Blut ist alles vertreten. Manche kommen mindestens einmal im Jahr, viele aber auch öfter. Laut Hoteldirektor Dieter Resch kehren 65 Prozent wieder.

Resch treffe ich zur Mitte meiner Kur. Der ehemalige Unternehmensberater hat hier seine Lebensaufgabe gefunden: „Wir wollen die Kunden langfristig gesund machen. Nicht selten ist eine Mayr-Kur der Kick-off für eine komplette Lebensstiländerung.“ Zu dem Zeitpunkt ahne ich noch nichts von meinem Waagenerlebnis im Züricher Gourmettempel. Schnitt.

Das Internet geht wieder. Meine Assistentin hat den Shuttle geklärt. Es steht stilles Wasser auf dem Schreibtisch. Die Onlinestrategie ist im Kasten. Ich schaffe dreimal so viel und esse ein Drittel, den Kaffee trinken die anderen im Meeting, ich habe einen klaren Kopf. Auf dem Handy poppt eine Erinnerung auf. Blumen für Papas Geburtstag. Ich rufe meine Mutter vormittags an. Sie: „Geht’s dir nicht gut?“ Ich: „Doch, ich komme Samstag zu Papas Geburtstag.“ Was willst du essen? Ich: „Wie wäre es mit Zwetschgenklößen mit Zimt und Zucker und zerlassener Butter?“ Sie: „Das war doch Papas Lieblingsessen. Machst du nicht gerade Diät?“ Nein, ich habe nur mein Leben geändert.

Text: Joern Frederic Kengelbach

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