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Heilige Hallen Eröffnung des Design & Engineering Centre

Ein Blick hinter die Kulissen der Traditionsmarke Jaguar anlässlich der Eröffnung des Design & Engineering Centre. Und die Antwort auf die Frage, wohin die Reise für die Sportwagen-Ikone gehen soll.

Jaguar Design & Engineering Centre
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Der Weg in das Heiligtum der britischen Traditionsmarke Jaguar ist nur analog oder blind erlaubt: Das Smartphone muss abgegeben, alternativ die Linse zugeklebt werden. Ohnehin haben von den 13 000 Mitarbeitern am Standort Gaydon in Mittelengland nur 280 Zutritt zu dem Jaguar Design Studio im neu eröffneten Design & Engineering Centre, in dem sich die Zukunft des Luxusautomobils verbirgt – jedenfalls die Jaguar-Version davon. Der Herr über diese Geheimnisse ist der neue Designchef Julian Thomson, der, gerade mal ein paar Monate im Amt, die Gäste am Tag der Eröffnung stolz durch sein neues Reich führt. Es geht vorbei an Virtual-Reality-Systemen, einer elf Meter langen 4K- Videowand und Roboterarmen, die Autoformen in tonnenschwere Tonmodelle fräsen.
Das neue Design & Engineering Centre von Jaguar ist eines der modernsten der Welt. Und: Erstmals in der 84-jährigen Geschichte der Marke befinden sich nun die unterschiedlichen Designprozesse und -abteilungen unter einem Dach, selbst die Ingenieure arbeiten nur ein paar Gänge weiter. „Man will ja, dass ein Auto aussieht, als wäre es von nur einem Menschen entworfen, nicht von 280. Und dafür braucht man diese Spontaneität, die Kreativität“, erläutert Thomson.
Der Neubau ist ein wichtiger Meilenstein für Jaguar. Nach zwei Jahrzehnten radikaler Neuerfindung steht die Marke nun an der Schwelle in eine neue Epoche: autonomes Fahren, Elektromobilität, Nachhaltigkeit. „Für uns ist es elementar, an unsere reiche, glamouröse und manchmal auch provokante Geschichte anzuknüpfen“, so der Designchef, der aber auch weiß: „Die eigene Geschichte kann der größte Schatz und die größte Hürde zugleich sein.“ Eine Hürde, die sich Jaguar teils selbst in den Weg stellte. Jahrzehntelang wurden die Modelle und Motoren nur marginal modernisiert. Ein Jaguar XJ aus dem Jahr 2006 unterschied sich in seinem wesentlichen Design kaum von einem 1968er-Modell. „Die Autos waren damals einfach retro. Sie haben damit eine loyale Kundenbasis befriedigt, aber eben keine neuen Kunden er- reicht. Dabei war Jaguar in den 50er- und 60er-Jahren eine der innovativsten Marken.“
Erste Schritte, Jaguar radikal zu erneuern, wurden Anfang der 2000er gemacht. Gemeinsam mit seinem Vorgänger Ian Callum entwickelte der damalige Designer Thomson, der vorher beim Sportwagenhersteller Lotus tätig war, eine neue, zukunftsorientierte Formensprache. Chrom und Doppelscheinwerfer waren plötzlich passé. Auf den polarisierenden S-Type-Nachfolger XF folgten ab 2008 nicht minder mutige Modelle wie die neue XJ- Limousine, der Mittelklassewagen XE, der F-Type sowie die SUV-Modelle F-Pace und E-Pace plus das erste Elektromodell, der I-Pace. In gut zehn Jahren wurde die Modellpalette komplett neu ausgerichtet. „Wir sind heute eine der zeitgemäßesten Designmarken. Wir sind sehr, sehr modern. Wir mussten diesen Weg gehen“, ist Thomson überzeugt. Mit der Eröffnung des neuen Design & Engineering Centre und dem Wechsel an der Spitze schließt sich also der Kreis, und der nächste Markenzyklus beginnt. Auch wenn der Ausdruck abgegriffen klingt, hier stimmt er: Um den epochalen Verwerfungen der Branche entgegenzutreten, erfinden sich die Briten als Luxusautomobilhersteller des 21. Jahrhunderts gerade neu. Dabei geht es aber nicht nur um Elektromobilität mit einem britischen Twist. Das interne Schlagwort für die nächste Dekade heißt Destination Zero. Null Emissionen. Null Unfälle. Null Stau. „Megatrends wie Urbanisierung und Nachhaltigkeit verändern die Automobilindustrie grundlegend. Bei Jaguar Land Rover laufen wir Trends nicht hinterher, wir gestalten aktiv die zukünftige Mobilität. Unsere Vision ist eine Welt, in der emissions- freie Fahrzeuge, öffentlicher Verkehr und autonome Pods, selbstfahrende und vollautomatisierte Fahrzeuge, ein intelligentes, integriertes und vernetztes Verkehrssystem bilden“, erklärt denn auch Ralf Speth, CEO von Jaguar Land Rover, bei der Eröffnungszeremonie in Gaydon.
Immerhin: Mit dem letztes Jahr vorgestellten voll- elektrischen SUV I-Pace waren die Briten nicht nur schneller als die deutsche Konkurrenz: Mit den extrem kurzen Überhängen und der kurzen Schnauze des I-Pace haben die Designer auch ein mutiges Statement abgeliefert. „Es wäre ein Fehler gewesen, eine künstlich lange Motorhaube zu entwerfen, wenn darunter kein Motor ist“, erklärt Thomson. „Wir wollten stolz sagen: Das ist etwas Neues, eine andere Art Auto. Das ist der neue Geist von Jaguar: Wir blicken nicht mehr zurück.“
Und das sieht dann so aus: Während sich manche Marken aus einem festen Set an Wiedererkennungsmerkmalen bedienen, einer bestimmten Kühlergestaltung oder Anordnung der Frontscheinwerfer, geht es Thomson um die Metaebene, die Proportionen, die Balance, die Klarheit. Trotzdem ist das Kämpfen um Details wahrscheinlich eine der wichtigsten Aufgaben eines Automobilgestalters. „Ich sage allen meinen Designern, dass sie die Autos, an denen sie arbeiten, auch selbst fahren sollen. Vor vielen Jahren habe ich bei Lotus den Elise entworfen und mir später auch den letzten der ersten Serie gekauft. Aber um ehrlich zu sein: Am Anfang habe ich ihn gehasst. Jedes Mal, wenn ich ihn wusch, konnte ich mich an eine Auseinandersetzung mit einem Ingenieur erinnern, die ich verloren hatte, oder ein Detail, das nicht so geworden ist, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe ihn schnell wieder verkauft.“ Doch es ist eine Story mit Happy End. Heute, 20 Jahre später, steht der Wagen wieder in Thomsons Garage.
Wie geht Jaguars Weg in die Zukunft weiter? Schon bald werden die Briten den Nachfolger ihres Topmodells XJ vorstellen: „Unser neues Flaggschiff ist komplett elektrisch, gebaut in Großbritannien. Es wird aber keine klassische Limousine mit langem Radstand werden. Wir wollen ein echtes Dream Car bauen, etwas, das jeder haben will.“ Dabei sieht Thomson wie schon beim I-Pace im Elektroantrieb die Zukunft: „Er ist sauber, gelassen, ruhig. Das passt perfekt zu einer luxuriösen Limousine.“ Die Haltung der Kunden habe sich geändert, sie wollten sich heute nicht mehr wegen etwas wie dem Verbrauch schlecht fühlen. „Sie wollen Ruhe, Entspannung. Bei Luxus geht es um das Wohlbefinden.“
Und es geht darum, neue Kunden zu gewinnen: Mit der Generation Z und den Millennials kommen neue Ansprüche auf die Automobilmarken zu. Ging es früher um Exklusivität und Überfluss, so verortet sich Jaguar in der Zukunft des Luxus denn mit Begriffen wie Erlebnis und Verantwortung. War das Performance-Segment von Leistungsdaten getrieben, soll es nun um „feelings, not gures“ gehen. Ein Balanceakt? „Ja, der Markt für Sport- wagen ist schwer und klein. Aber er repräsentiert ultimativ die Marke. Das gilt erst recht für uns. Wir haben mit Sportwagen angefangen.“
Dann: „Wir werden immer Sportwagen bauen.“

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Fotos von Nick Guttridge / Jaguar

Text von Alexander Batke-Lachmann

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